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Gedenken

Als der NSU zum ersten Mal in München mordete – In Gedenken an Habil Kiliç

 

Am Vormittag des 29. August 2001 wurde Habil Kiliç durch die Rechtsterrorist*innen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) im Obst- und Gemüseladen seiner Familie ermordet. Nach seiner Frühschicht als Gabelstaplerfahrer auf dem Münchener Großmarkt stand er hinter dem Tresen des Geschäftes in Ramersdorf, als zwei Männer eintraten und ihm zwei Mal in den Kopf schossen. Zuvor hatte der NSU bereits drei Morde begangen, im August 2001 tötete er das erste Mal in München. Zehn weitere lange Jahre konnten die Rechtsterrorist*innen in ganz Deutschland ungehindert agieren, legten drei Bomben und ermordeten sechs weitere Menschen. Ihre Taten finanzierten sie unter anderem durch fünfzehn Banküberfälle.

Für seine Frau und seine zehnjährige Tochter war nach dem Mord an Habil Kiliç nichts mehr wie es gewesen war: Die Familie verlor ihre Wohnung und das Geschäft. Nach dem Mord an ihrem Mann und Vater wurde so zusätzlich die wirtschaftliche Lebensgrundlage der Familie zerstört Eine große Belastung waren die anschließenden Ermittlungen der bayerischen Behörden, die die Familie, Angehörige, Bekannte und Kolleg*innen immer wieder verhörten. Die Verdächtigungen über angebliche Verstrickungen in kriminelle Geschäfte griffen auch einige Medienvertreter*innen bereitwillig auf und verbreiteten sie in der Öffentlichkeit. Dass Habil Kiliç von Neonazis aus rassistischen Motiven ermordet worden war, erfuhren die Angehörigen erst im Jahr 2011 nach der Selbstenttarnung des NSU.

Sechzehn Jahre nach der Tat erinnern wir heute an den rechtsterroristischen Mord an Habil Kiliç. In Gedanken sind wir an diesem Tag bei allen Angehörigen, Bekannten und Freund*innen von Habil Kiliç, wir wünschen ihnen weiterhin viel Kraft für den Umgang mit dem schweren Verlust.

Auch nach dem Gerichtsprozess gegen fünf Angeklagte vor dem Landgericht München sind viele Fragen der Betroffenen zum NSU-Netzwerk und dem Vorgehen der Behörden nicht beantwortet. Die Aufklärung muss weitergehen, die kritische Öffentlichkeit darf nicht aufhören weiter nachzufragen. Der NSU hat gezeigt, dass rechte Ideologien, Rassismus und andere Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, zwei Seiten derselben Medaille sind – ob sie sich als terroristische Gewalt oder als Diskriminierung äußern. Eine wache demokratische Zivilgesellschaft muss Betroffenen von rechter Gewalt und Ausgrenzung im Umgang mit den Folgen der Taten zur Seite stehen und alles dafür tun, dass Neonazis nie wieder im toten Winkel der gesellschaftlichen Wahrnehmung Menschen angreifen können. In der Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex werden wir diesen toten Winkel auch in Zukunft ausleuchten.

München, 29.08.2018

 

Wir sagen: Kein Vergessen – In Gedenken an Theodoros Boulgarides

Am 15. Juni 2005 wurde Theodoros Boulgarides durch die Rechtsterrorist*innen des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) ermordet. Die Täter*innen betraten sein Geschäft in der Trappentreustraße im Münchener Westend und töteten den Familienvater mit drei Kopfschüssen. Jahrelang konnte der NSU in Deutschland aus purer Menschenverachtung morden ohne, dass die Behörden ihn daran gehindert hätten. Zehn Menschen verloren deshalb ihr Leben, dutzende mehr wurden bei drei Bombenanschlägen und fünfzehn Banküberfällen verletzt.

Sicherzustellen, dass Rechtsterroristen nie wieder derart ungestört agieren können, ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Das Verhalten der Behörden in Bezug auf den NSU hat eindrücklich gezeigt, dass hierfür eine wache, kritische Zivilgesellschaft unbedingt erforderlich ist. Nach dem Mord an Theodoros Boulgarides ermittelten die Behörden wegen des Verdachtes auf angebliche Verbindungen der Betroffenen ins kriminelle Milieu. Die Ermittelnden befragten immer wieder das Umfeld der Familie, die dadurch auch in Zusammenhang mit Prostitution, Waffenhandel und anderen kriminellen Aktivitäten gebracht wurde. Bezüglich eines möglichen rechten Hintergrundes der Tat ermittelten die Behörden nicht. Erst die Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 zeigte, dass Theodoros Boulgarides von Neonazis umgebracht worden war.

An den Jahrestagen der NSU-Morde muss die Erinnerung an die Ermordeten lebendig gehalten werden. Unsere Gedanken sind heute bei allen Angehörigen von Theodoros Boulgarides, wir wünschen ihnen weiterhin viel Kraft für den Umgang mit dem schweren Verlust.

Damit sich eine solche rechte Mordserie nicht wiederholt, sollten die Jahrestage auch der Mahnung vor den Folgen von Ressentiments und rechten Ideologien dienen. Vor dem Landgericht München nähert sich zurzeit der „NSU-Prozess“ seinem Ende, doch die gesellschaftliche Herausforderung, Rassismus, Ausgrenzung und rechter Gewalt konsequent entgegenzutreten, besteht jeden Tag aufs Neue. Viele Fragen der Betroffenen sind bis heute nicht beantwortet – unter die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex kann noch lange kein Schlussstrich gezogen werden.

München, 15.06.2018

 

Robert Höckmayr zum Oktoberfestattentat und seinen Folgen

 

Im Rahmen der Gedenkfeier für die Betroffenen des Attentates auf das Oktoberfest im Jahr 1980 hielt am 26. September 2017 erstmals ein direkt betroffener Überlebender selbst eine Ansprache: Robert Höckmayr, geborener Platzer, schilderte am Mahnmal, das heute den Anschlagsort am Wiesn-Haupteingang markiert, die Folgen der Gewalttat und äußerte sich zum Umgang mit den Betroffenen.

Eingeladen zu der Gedenkfeier hatte die Münchner DGB-Jugend. Zu den mehr als hundert Gästen gehörten neben Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter auch mehrere Abgeordnete des Bayerischen Landtags und des Münchner Stadtrats sowie zahlreiche Hinterbliebene und Helfer*innen und Angehörige der damals Verletzten oder Getöteten. Die Rede von Robert Höckmayr gibt der Öffentlichkeit einen Einblick in die Perspektive eines Betroffenen als einen wichtigen Beitrag für die gesellschaftlichen Debatten über den Umgang mit Überlebenden sowie ein angemessenes Gedenken.

Der Text der Ansprache kann hier heruntergeladen werden.